Unsere Buchempfehlungen im Juni
        


so und jetzt kommst du 150x237

 

Tropen Verlag 22,00€

 

Arno Frank: "So, und jetzt kommst du"

Hören Sie das? Haben Sie das im Ohr, wie jemand triumphierend sagt: „So, und jetzt kommst Du!“ Das macht nur jemand, der von seiner eigenen Genialität überzeugt ist und glaubt, das Rad neu erfunden zu haben.
So einer ist Arnos Vater, ursprünglich mal Verwaltungsbeamter, aber das muss wirklich sehr ursprünglich gewesen sein, zumindest vor der Zeit, in der wir Arnos Vater kennenlernen. Jetzt ist er nämlich eine Art Unikum und verhökert in den 80er Jahren alles, was sich ihm in den Weg stellt: Heimtrainer, Expander, alte Militär-PKWs (als Bausatz übrigens) usw. Denn, so die zweite Weisheit von Herrn Frank: „Jeden Morgen steht ein Dummer auf.“ Und man kann ziemlich sicher sein, dass Arnos Vater ihn findet.
Das geht eine ganze Weile gut, Arno und seine beiden jüngeren Geschwister führen ein ziemlich normales Familienleben, bis die Finanzlage anscheinend enger wird und Arnos Elternhaus plötzlich nicht mehr seinen Eltern, sondern der Bank gehört. Man zieht in ein kleines Häuschen im Wald, Arnos Vater findet eine Anstellung in einem Autohaus, bis auch hier der Boden zu heiß wird und urplötzlich alles in den Mercedes-Kombi geladen wird: Eltern, drei Kinder, zwei Hunde und das Nötigste an Kleidung.

Der Weg führt nach Südfrankreich, hier ist Arnos Vater nämlich geboren und jetzt macht er einen auf ganz dicke Hose. Er hat ein kleines Herrentäschchen bei sich, prall gefüllt mit Geld... wo das wohl her ist, fragen wir uns. Egal: St. Tropez, Cannes, Nizza – alles charmante Orte und die Familie mietet ein wunderschönes Haus mit Meerblick. Aber auch hier holt die Vergangenheit die Eltern ein, Arnos Vater wird mittlerweile mit internationalem Haftbefehl gesucht, er ist ein Hochstapler reinsten Wassers und hat jede Menge Geld unterschlagen.
In einem letzten Akt der Verzweiflung flieht die Familie wieder nach Deutschland zu Arnos Oma, aber bald endet der Weg in einer oberbayrischen Sackgasse.

Das alles klingt munter und amüsant, es liest sich auch sehr unterhaltsam. Dennoch ahnen wir die Tragödie, die sich hinter dieser Geschichte verbirgt. Wenn die Eltern nicht die sind, für die man sie hält, nicht die Guten, die Starken – was bedeutet das für die Entwicklung der Kinder? Was ist mit dem Urvertrauen, mit der generellen Haltung, die man Menschen gegenüber entwickelt und die sich zum Gutteil im Elternhaus prägt?
Ein toller Roman, der auf der echten Kindheitsgeschichte von Arno Frank beruht.

Astrid Henning

 


der himmel ueber palermo 150x237

 

Goldmann 18,00€

 

Constanze Neumann: "Der Himmel über Palermo"

Palermo 1881: Richard Wagner reist mit der ganzen Familie nach Sizilien, auch seine Stieftochter Blandine von Bülow, aus der der ersten Ehe seiner Frau Cosima, ist dabei, derweil ihre Schwester beim Großvater Franz Liszt in Rom weilt.
Während Wagner sich zurückzieht, um "Parsifal" zu beenden, nehmen seine Gattin und die Töchter am bunten gesellschaftlichen Leben teil. Vor allem Blandine, groß, blond und zurückhaltend, sorgt für Aufsehen – und erliegt selbst dem Zauber der alten prächtigen Palazzi, der prunkvollen Feste und einer atemberaubenden Landschaft, die keinen Winter kennt. Sie genießt die vielfältigen Lustbarkeiten, leidet jedoch auch, wie die gesamte Familie, unter der grantigen Launenhaftigkeit und Egozentrik ihres Stiefvaters.
Beeindruckend ist der unverstellte Blick der mädchenhaften jungen Frau, die in sich noch so unsicher ist, so unverdorben und zaghaft – auf der Suche nach sich selbst und ihrem Platz im Leben. Was Wunder: zu dieser Zeit werden doch die Töchter der high society an der ganz kurzen, schicklichen Leine gehalten.

Auf dem Silvesterball macht Blandine Bekanntschaft mit einem beeindruckenden jungen Mann: Graf Biagio Gravina, zweiter Sohn einer alteingesessenen Adelsfamilie, bringt ihr Herz zum Flattern. Und sie verliebt sich in ihn in unschuldiger Leidenschaft. Doch die Familie Wagner verlässt Palermo; und erst nach Monaten des bangen Wartens überreicht ein Hausmädchen Blandine ein Billett, in dem  Biagio eine erneute Begegnung erfleht.
Nach einer schicklichen Zeit heiraten die beiden, und damit ist Blandines Schicksal besiegelt. Sie wird auf Sizilien bleiben, während der Rest ihrer Familie zurückkehrt nach Deutschland. Biagio entwickelt sich zu einem schwierigen, verbitterten Mann, der einen gewissen Lebensstandard erwartet, jedoch nicht dafür zu arbeiten vermag.

Gefühlvoll, einigermaßen lakonisch, mit detailreichen Beobachtungen verbindet dieser wundervolle, gleichermaßen leise und eindringliche Roman fundierte Geschichte und Fiktion.

Heike Kasten

 


auf die sanfte tour 150x237

 

Nagel & Kimche 19,00€

 

Castle Freeman: "Auf die sanfte Tour"

Sheriff Wing ist wahrlich kein Mann der vielen Worte. Seine Devise lautet eher: in der Ruhe liegt die Kraft! Sein Partner Trooper Timberlake ist aus ganz anderem Holz geschnitzt. Ihm sprudeln die Worte nur so aus dem Mund und sein Tatendrang ist kaum zu bremsen.

Am frühen Dienstagmorgen wurde ein ziemlich lädierter Mann gesichtet ,nackt an einen Baum gefesselt, mit erheblichen Beulen und einem blauen Auge. Auf die Fragen des Sheriffs antwortete er nicht, sondern spuckte jeden an, der ihm zu nahe kam...
Nach und nach findet die Polizei heraus, dass der Verletzte, ein Russe, auf Sean Duke angesetzt war, einen stadtbekannten Kleinkriminellen. Denn Sean war zuvor dreisterweise in die Villa eines ebenfalls sehr bekannten, um nicht zu sagen: berüchtigten russischen Oligarchen eingebrochen, um dessen Safe zu stehlen.

Unglaublicher Wortwitz, lakonische Sprache und gute Dialoge zeichnen diesen entspannten, aber nie langweiligen Krimi aus. Für alle, die Spannung ohne blutiges Gemetzel mögen.

Andrea Westerkamp-Stützel

 


die heuhaufen halunken 150x207

 

cbj 10,99€

 

 

Sven Gerhardt: "Die Heuhaufen-Halunken"

Die zehnjährige Meggy ist frustriert. Die Sommerferien stehen vor der Tür und viele ihrer Mitschüler verreisen, doch bei ihr ist kein Urlaub in Sicht. Ihre Familie bleibt Zuhause in Dümpelwalde. Wie langweilig. Zu allem Überfluss wird Meggy auch noch früh morgens von Hahn Pavarotti geweckt und das geht ihr wirklich gewaltig auf die Nerven. Ein Plan muss also her, um das zu ändern.
Zum Glück ist sie die Anführerin der Heuhaufen-Halunken, einer sehr gefürchteten Bande im Dorf. Zusammen mit Knolle, Schorsch, Alfons und Lotte will Meggy den größten Halunken-Plan aller Zeiten schmieden. Die Kinder überlegen fleißig und da haben sie plötzlich eine Idee – warum fahren sie nicht alle gemeinsam zum Plörrsee und machen einen Badeurlaub? Mit dem Bus kommt man dort zwar schlecht hin, aber wie wäre es mit dem Volvo, der bei Meggys Eltern in der Scheune steht? Schnell schreiben die Halunken einen detaillierten Plan und arbeiten an den Vorbereitungen. Als dann auch noch Marius aus Berlin hinzukommt, scheint dem Urlaub nichts mehr im Wege zu stehen, oder?

Ein spannendes und lustiges Kinderbuch ab 8 Jahren.

Anais Hars

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Mai


die taufe 150x237

 

Berlin Verlag 22,00€

 

Ann Patchett: "Die Taufe"

Eigentlich ist Franny an allem Schuld. Hätte es sie nicht gegeben, wäre sie nicht getauft worden und dann hätten Mrs Keating und Mr Cousins sich wohl gar nicht kennengelernt.
So aber erscheint Bert Cousins, stellvertretender Bezirksstaatsanwalt, auf der Familienfeier von Keatings jüngster Tochter, Anfang der 60er Jahre. Eigentlich will er bloß dem Familienchaos zu Hause entfliehen, er selbst hat drei kleine Kinder und eine schwangere, müde Ehefrau, nicht wirklich ein erquickendes Sonntag-Nachmittag-Programm – und so steckt er eine Flasche Gin ein, ein eher ungewöhnliches Taufgeschenk, und macht sich auf den Weg zu Familie Keating, die er eigentlich gar nicht gut kennt.

Die Mutter des Täuflings ist Beverly, eine attraktive und kluge Person, und noch bevor der Nachmittag vorbei ist, haben sich Bert und Beverly geküsst, sie verlieben sich in einander und mischen die Lebenskarten von 10 Personen völlig neu: vier Erwachsene und sechs Kinder werden sich an neue Familienkonstellationen gewöhnen müssen.
Ann Patchett gelingt es wirklich meisterhaft, uns an diesem Familienerlebnis teilhaben zu lassen, denn wir begleiten vorwiegend aus der Perspektive der sechs sehr unterschiedlichen Kinder die nächsten fünfzig Jahre. Mehr oder weniger freiwillig verbringen die sechs viele lange Ferien gemeinsam, aus den vier Cousins-Kindern werden drei, woran die anderen nicht ganz unschuldig sind, etwas, was bis zur Gegenwart schwer auf allen lasten wird.
Und so wie Frannys Taufe den Beginn der Geschichte markiert, wird ihre Beziehung zu einem bekannten Autor ein weiterer wichtiger Punkt in diesem Roman: Leon Posen ist auf der Suche nach einem neuen Romanstoff und Franny erzählt ihm völlig unschuldig die Geschichte ihrer Kindheit. Stoff für einen Bestseller, in dem sich die lebenden Personen unfreiwliig wiederfinden – der zudem auch noch verfilmt wird.

Dieser Roman ist eine amerikanische Familiengeschichte der besten Art: unterhaltsam und packend, dabei nie reißerisch oder unglaubwürdig. Wie es der Autorin gelingt, die Fäden in der Hand zu halten, unterschiedlichste Charaktere glaubhaft darzustellen und mit viel Wärme von ihnen zu erzählen, das ist ein großes Lesevergnügen.

Astrid Henning

 


das alte boese 150x237

 

Kindler 19,95€

 

Nicholas Searle: "Das alte Böse"

Warum dieser, zwar durchaus spannende, aber eher wie eine Biografie geschriebene Roman unter den Thrillern gelandet ist, ist mir ein Rätsel und spricht dadurch wohlmöglich die falsche Leserschaft an, und das wäre überaus schade!

In Datingportalen ist Roy unterwegs, verabredet sich mit alleinstehenden Frauen. Ganz normal in der heutigen Zeit, denken wir. Das Besondere an seiner Situation ist sein Alter. Über 80 Lenze zählt der immer noch gut aussehende, aber doch in mancher Hinsicht schon etwas gebrechliche alte Herr.
Dass Roy kein Gutmensch ist, merken wir bereits auf den ersten Seiten. Nun ist er im Begriff sich zu einem Date mit Betty aufzumachen. Optimistisch blickt er dem Treffen entgegen, denn was er in ihrem Portfolio gelesen hat, könnte genau seinen Idealvorstellungen entsprechen. Betty ist aber auch wirklich entzückend. Vier Jahre jünger als Roy, von zarter Statur, intelligent, gepflegt und mit einer gehörigen Prise Humor. Auch die Größe des Geldbeutels scheint zu stimmen.
Gleich bei ihrer ersten Zusammenkunft in einer ländlichen Gaststube im Süden von England, weist Roy auf den ihm am Wichtigsten Punkt in der aufkeimenden Beziehung hin: Wahrheit und nichts als die Wahrheit soll zwischen ihnen beiden herrschen. Betty erzählt offen von ihrem verstorbenen Mann und den Kindern, ihrem Berufsleben als Professorin und ihren Wünschen für den Lebensabend. Roy hält sich hingegen recht bedeckt, was seine Vergangenheit angeht. Trotzdem scheint es auf ihrer Seite schnell zu funken und es vergehen kaum ein paar Wochen, da zieht Roy mit Sack und Pack in Bettys kleines Häuschen. Stephen, Bettys Enkel, ist nicht begeistert von der Geschwindigkeit, mit der sich die Dinge entwickeln. Zumal ihm Roy sehr unsympathisch ist, ein alter unfreundlicher Mann, mit einem gewissen Augout und irgendwie verschlagen. Aber wenn die geliebte Großmutter sich etwas in den Kopf gesetzt hat, ist der schüchterne und leicht vertrottelte Enkel machtlos.

In Rückblenden nehmen wir Einblick in Roys Vergangenheit und was wir da zu sehen bekommen, kann uns nicht gefallen. Viele krumme Dinger hat er gedreht, Drogenhandel, Devisenbetrug und unschönes Verhalten im Krieg. Immer hat er seinen Kopf aus der Schlinge gezogen, und einige Leichen im Keller gelassen. So etwas wie Ehre und Freundschaft gibt es für ihn nicht.

Meine Sorge um Betty wuchs je mehr ich las, die Berechtigung dafür lasse ich nun ganz offen.... Ein fesselnder Roman, der Sie durch einige unvorhersehbare Wendungen, dieses Buch nicht aus der Hand legen lässt, großartig.

Annette Matthaei

 


mr peardews sammlung der verlorenen dinge 150x237

 

List Verlag 18€

 

 

 

Ruth Hogan: "Mr. Peardews Sammlung der verlorenen Dinge"

Wenn eine Keksdose voll Asche und ein Schmuckstück dem Glück auf die Sprünge helfen...

Anthony Peardew, ein betagter Gentleman, ist Sammler mit Leib und Seele. Sein Herz schlägt nicht etwa für Goldmünzen, Briefmarken oder Antiquitäten, sondern er erbarmt sich all der Dinge, die andere Menschen verloren oder vergessen haben.
Kein Gegenstand ist ihm zu klein (Haargummi) oder zu skurill (gefüllte Urne), um nicht in seinem Kuriositätenkabinett Einlass zu finden. Akribisch notiert er sich Ort, Zeitpunkt und evtl. besonder Umstände des jeweiligen Fundes.
Warum hat jemand so ein ausgefallenes Hobby? Mr. Peardews verlor vor Jahren sein Herz - an Therese. Sie schenkte ihm zum Zeichen ihrer Liebe ein Medaillon, und in der Sekunde ihres plötzlichen Todes kam Anthony tragischerweise auch das Schmuckstück abhanden...

Eine überaus berührende Geschichte, eine großartige Romanidee und eine gelunge Umsetzung! Sie werden dieses Buch lieben!!

Andrea Westerkamp-Stützel

 


willkommen im hirschkaefergrill 150x210

 

Aladin Verlag 14€

 

Constanze Spengler: "Willkommen im Hirschkäfergrill"

Der Hirschkäfer-Grill ist der Lieblingstreffpunkt aller Insekten im Wald, denn dort kann man sich bereits zum Frühstück treffen und allerlei Köstlichkeiten zu sich nehmen. Und so sitzen dann Tag um Tag Nachtfalter, Ameisen, Asseln, Mistkäfer, Motten, Raupen, Stechmücken, Grillen und Schnecken in dem beliebten Lokal und lassen es sich schmecken.
Zu den Spezialitäten gehören z.B. gegrillte Pilze mit Pflaumenmus, getoastete Brotkrümel, Zuckerwasser mit Blütenstaub, gefüllte Ahornblätter, Blattlausbier oder Tautropfen.

Der Hirschkäfer ist aber auch ein ganz Netter: bei allen Problemen eilt er flugs zur Hilfe, und er philosophiert mit seinen Gästen und spendet Trost und Rat. Wenn es dunkel wird, rollt der Hirschkäfer ein Blatt über dem Tresen herunter und sagt den Blattläusen in der Küche "gute Nacht". Er wohnt auf einem Baumpilz, gleich neben dem Grill, so ist er morgens fix wieder zur Stelle.
Nachdem eines Tages mit der Geschwindigkeit eines fallenden Regentropfens die Schmeißfliege vom Gesundheitsamt in der kleinen Wirtschaft landet und kurzerhand alle Lebensmittel beschlagnahmt, bleibt der Grill während der nächsten Tage vormittags geschlossen, da der Hirschkäfer mit Hilfe seiner Freunde seine Vorräte wieder auffüllen muss. Nur gut, dass die Ameisen fast alles beschaffen können!

Apropos Ameisen:seit einiger Zeit treffen sich einige von ihnen, darunter die Nummern 3037, 4381 und 692 zu konspirativen Mauscheleien und flüstern die ganze Zeit. Was gar nicht nötig wäre, denn der Hirschkäfer weiß natürlich schon längst, warum sie jeden Tag unter ihrem Blatt die Köpfe zusammenstecken. Aber das darf hier auf gar keinen Fall verraten werden...

Heike Kasten

 

 

Unsere Buchempfehlungen im April


der heimatinstinkt 150X203

 

Matthes & Seitz 38,00€

 

Bernd Heinrich: "Der Heimatinstinkt"

Bernd Heinrich ist ein deutsch-amerikanischer Zoologe, der sich in seinem aktuellen Buch mit dem Heimatinstinkt der Tiere beschäftigt. Schon in früheren Büchern hat Heinrich in einer sehr besonderen Art und Weise über die Natur geschrieben, immer fundiert und dennoch auch für Laien faszinierend zu lesen.

Was ist es, dass Schildkröten ganze Ozeane durchqueren lässt, bevor sie am Platz ihrer Geburt nun selbst Eier ablegen? Warum fliegen Vögel zehntausende von Kilometern, um zu ihrem Brutplatz zurückzukehren und dort die Jungen aufzuziehen? Und wie finden sie diese Plätze überhaupt, woran orientieren sich die Tiere? Inzwischen weiß man sehr viel mehr über die unterschiedlichen Instinkte und Fähigkeiten, die hierbei eine Rolle spielen, wenn auch noch nicht jedes Rätsel gelöst ist.
Bernd Heinrich berichtet, was Heimat für Tiere bedeutet, nämlich vorrangig ein Ort, der sich bereits als zuverlässig und sicher für den Nachwuchs erwiesen hat, sei es was Futterquellen angeht oder aber eine gewisse Geschützheit vor Feinden. Natürlich ist man schnell verführt, diesen Begriff mit dem menschlichen Heimatbegriff zu verbinden - dafür ist der Autor allerdings Wissenschaftler genug, um hier sauber zu trennen. Mögliche Überschneidungen nicht ausgeschlossen.
Heinrich versammelt in diesem Werk die unterschiedlichsten Tiere: Kraniche, Bienen, Ameisen, Frösche, Falter und Fische. Heimat übrigens ist nicht unbedingt an einen geographischen Ort gebunden, für so manchen Fisch ist Heimat  (und damit das Gefühl von Sicherheit) inmitten ihres Schwarms.

Erschienen ist dieses Kleinod in der Reihe "Naturkunden" im Matthes & Seitz Verlag, die Ihnen hier insgesamt ans Herz gelegt sei.

Astrid Henning

 


was alles war 150x237

 

Knaus Verlag 19,99€

 

Annette Mingels: " Was alles war"

Dass Susa adoptiert wurde, als sie zwei Jahre alt war, weiß sie schon ewig und war nie ein Problem für sie. Ihre „Eltern“, das sind ihre Adoptiveltern, zu denen sie ein sehr liebevolles Verhältnis hat. Jetzt ist sie um die 40, sie arbeitet als Meeresbiologin und hat vor kurzem Henryk mit seinen beiden Töchtern kennengelernt. Henryk, dessen Frau vor knapp zwei Jahren gestorben ist, der mit Paula und Rena den Alltag meistert und der ihr so unglaublich gut gefällt.
Es entspinnt sich eine schöne Liebesgeschichte, nicht nur zwischen Susa und Henryk, sondern zum Glück auch zwischen Susa und den beiden Töchtern, der absolute Glücksfall. Und nun – hat Susa plötzlich einen Brief der Behörde in der Hand: „Ihre leibliche Mutter möchte Sie gerne kennenlernen“...

Im ersten Moment fühlt sich Susa überfordert. Sie hat doch eine Mutter, sie beginnt sogar, eine eigene kleine Familie zu haben mit Henryk und seinen Töchtern, und jetzt – mischt sich in ihr Leben ihre eigene, biologische Mutter. Das kann man nicht einfach ignorieren, es erfordert in jedem Fall eine Entscheidung. Susa trifft ihre Mutter Viola, die sich als ehemaliges Hippie-Girl entpuppt, so kann man es vielleicht bezeichnen. Lebenskünstlerin, Künstlerin in jedem Fall, lebt in Indien, war immer auf Reisen, hat vier Kinder, zu allen nur losen Kontakt. Es stellt sich kein besonders inniges Verhältnis ein zwischen Susa und Viola, dennoch bewirkt diese Begegnung so einiges in Susa. Das Thema Familie stellt sich ihr in ganz neuer Weise – was auch an ihrer Beziehung zu Henryk und seinen Kindern liegt.

Was macht aus Menschen eine Familie? Ist es das Blut, sind es die Gene? Oder ist es die Liebe? Reicht das Zusammenleben – ist man dann eine Familie, wenn man die gleichen Werte hat und lebt? Annette Mingels spricht in diesem Roman ein Thema an, das so aktuell ist wie nie und fast jeden von uns betrifft. Sehr feinfühlig geschrieben, für viele Altersstufen geeignet.

Astrid Henning

 


betrunkene baeume 150x237

 

Ullstein Verlag 18,00€

 

Ada Dorian: "Betrunkene Bäume"

Katharina ist wütend! Ihr Vater hat die Familie verlassen und lebt fortan in Russland. Die Mutter arbeitet nachts und schläft tagsüber. Felix, ihr bester Freund, küsst plötzlich die blöde Lena...
Gründe genug, um abzuhauen und die Schule zu schwänzen. Als ihr ein zwielichtiger Freund eine leerstehende Wohnung vermittelt, lernt Katharina den hochbetagten Nachbarn kennen. Erich hat früher als Forscher eine Expedition in die Taiga unternommen. Noch heute telefoniert er regelmäßig mit anderen Wissenschaftlern, und der Gedankenaustausch tut ihm gut. Doch Erich verliert seine Eigenständigkeit zunehmend, und in dem Moment, als seine Tochter ihm die Autoschlüssel abnimmt, steigt Panik in ihm auf: Wie soll er zukünftig zum Baumarkt kommen? Um Hilfe bitten kann Erich nicht, schließlich darf doch niemand erfahren, was er seit Jahren in seinem Schlafzimmer versteckt...

Sehr berührend beschreibt die junge Autorin die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft! Ada Dorian, geboren 1981, studierte Literaturwissenschaften und Philosophie. Sie forschte in Osnabrück über Erich Maria Remarque, wo sie nach langem Aufenthalt in Hamburg lebt. Sie gewann den Literaturförderpreis der Stadt Hamburg 2009, ist Trägerin des Literaturstipendiums des Landes Niedersachsen 2016 und war nominiert für den Ingeborg-Bachmann-Preis 2016.

Andrea Westerkamp-Stützel

 


retour 150x237

 

Hoffmann & Campe 16,00€

 

Alexander Oetker: " Retour -Luc Verlains erster Fall"

Als Polizist hat sich Luc Verlain einen Namen gemacht. Neben seiner Arbeit liebt er vor allem schöne Frauen, gutes Essen – und eben sein Leben in der französichen Hauptstadt. Als jedoch sein Vater schwer erkrankt, muss er all diese Lustbarkeiten, zumindest interimsweise, aufgeben, um in seine alte Heimat Bordeaux in der Region Aquitaine zurückzukehren.
Luc stellt sich auf einen gemächlichen Alltag in der Provinz ein, doch kaum ist er in dem beschaulichen Küstenörtchen angekommen, sieht er sich schon mit einem Mordfall konfrontiert.

Am Strand wird die Leiche eines jungen Mädchens gefunden, offenbar erschlagen. Da das Opfer erst kürzlich die Beziehung zu einem algerischen Nachbarjungen beendete, versteifen sich sowohl Lucs neuer Partner als auch die rechtsextreme Szene auf diesen jungen Mann. Luc selber zieht bedächtig und aufgrund seiner Erfahrungen mehrere Möglichkeiten in Betracht. Inmitten der herrlichen Landschaft, der Strände und Weinberge, die ganz wunderbar atmosphärisch beschrieben werden, ermittelt er solide und gekonnt, sensibel und engagiert. Immer an seiner Seite seine Kollegin Anouk, deren Anziehungskraft er nur schwer widerstehen kann...

Verlain ist kein strahlender Ritter, sondern ein Lebemann mit einer Schwäche für Frauen und einer hohen Toleranzgrenze beim Thema Treue. Er raucht und trinkt – doch beides keinesfalls aus einem selbstzerstörerischen Hang heraus, sondern aus purer Lebensfreude. Und vor allem ist er ein Mensch mit hohen Prinzipien, er glaubt an Gerechtigkeit und nimmt seinen Job ernst.
Das reizvolle Setting, das gute Essen, der natürlich ausgezeichnete Wein und auch seine Flirts lockern die Geschichte charmant auf, ohne die Hauptbotschaft zu verwässern. Und so wird dieser Fall Stück für Stück ganz klassisch aufgedröselt.

Heike Kasten

 

Unsere Buchempfehlungen im März


herz auf eis 150x237

 

Mare Verlag 22,00€

 

Isabelle Autissier: "Herz auf Eis"

Diese Autorin weiß, wovon sie schreibt: mit 35 Jahren hat sie als erste Frau alleine die Welt umsegelt. Nachdem sie aber zwei Mal aus höchster Seenot gerettet wurde, hat sie diese extreme Form des Segelns aufgegeben und widmet sich der Literatur.

Die beiden Figuren in Autissiers Roman allerdings fangen damit gerade erst an.
Louise und Ludovic sind Anfang 30, bestens in Paris etabliert, zu etabliert findet zumindest Ludovic, dem der Sinn nach einem ordentlichen Abenteuer steht. Die beiden beschließen eine Auszeit und wollen die Welt umsegeln. Zunächst läuft alles glatt, sie sind ein gutes Team, obwohl oder vielleicht gerade weil sie so unterschiedlich sind.
Louise ist zäh, diszipliniert, realistisch, Ludovic hingegen ist ein kleiner Traumprinz, als Einzelkind aufgewachsen, seine Wünsche wurden meist recht schnell erfüllt, ihm fiel bislang fast alles in den Schoß.

Nun sind sie auf ihrer Segeltour vor Kap Hoorn, eine Gegend, die für ihre Stürme berüchtigt ist. Louise und Ludovic besuchen hier eine kleine Insel, die eigentlich nur Forschern zugänglich ist, sie stromern umher, dringen ins Innere vor, als plötzlich das Wetter umschlägt und sie gezwungen sind, die Nacht in einer kleinen Hütte zuzubringen. Am nächsten Morgen hat sich zwar das Wetter beruhigt, doch ihr Segelboot hat sich im Sturm gelöst und ist nicht mehr zu sehen. Einzig ihr kleines Beiboot steht ihnen nun noch zur Verfügung.
Zur Außenwelt hat man auf dieser Insel keinerlei Kontakt, d.h. die beiden werden zu modernen Robinsons, mit wenig Aussicht, die Insel bald zu verlassen.

Nun entwickelt Autissier einen Psychothriller vom Feinsten, ganz allmählich fallen die Masken...Wer wollte eigentlich auf die Insel?...Wer hat die Warnung vorm schlechten Wetter als Hysterie abgetan?...Wer erkennt den Ernst der Lage und rationiert die Lebensmittel... Wer tötet den ersten Pinguin, um ihn zu verzehren?
Menschen in Grenzsituationen, das ist ein faszinierendes Thema, vor allem, wenn man selbst dabei im gemütlichen Sessel sitzen darf. Außergewöhnlich an diesem Roman ist auch, dass er nicht mit dem Ende des Segel-Abenteuers endet – und dabei habe ich ihnen nicht verraten, wer oder ob überhaupt jemand lebendig die Insel verlassen wird.

Astrid Henning

 


alles ueber beziehungen 150x237

 

Rowohlt 22,95€

 

Doris Knecht: "Alles über Beziehungen"

Doris Knecht ist Kolumnistin und Schriftstellerin, Autorin von bissigen Romanen wie „Besser“ und „Wald“. Auch mit ihrem neu erschienenen Roman „Alles über Beziehungen“ legt sie ihren scharfen, bösen Zeigefinger wieder direkt in die Abgründe der menschlichen Seelen und Bedürfnisse.

Viktor, kurz vor 50, kleiner Bauchansatz, die Glatze kaschiert durch einen coolen Kahlschädel, ausschließlich auf dem sündhaft teuren Fahrrad unterwegs in den Straßen von Wien, ist vor kurzem zum Festivalintendanten ernannt worden. Im Kulturellen knüpft der Mann viele, besonders weibliche Kontakte. Nicht, dass es in Viktors bisheriger Vita einen Mangel an Frauen gegeben hätte. 5 Kinder von 2 Exfrauen und der aktuellen Lebenspartnerin Magda, neben unzähligen amourösen Abenteuern, sind eine ganz beachtliche Bilanz. Magda hat er wirklich gern und möchte dass es ihr gut geht, doch den einen Wunsch, dass er sie zur Frau nimmt, mag er ihr nicht so recht erfüllen. Denn Viktor hat ein Geheimnis: er kann von Frauen und dem mit ihnen verbundenen Sex nicht genug bekommen. Der Volksmund würde ihn wohl als sexsüchtig bezeichnen. Die Diagnose „hypersexuell“ oder noch besser „Impulskontrollstörung“, die ihm sein Psychiater stellt, gefällt ihm indes wesentlich besser, nicht ordinär und doch eindeutig krankhaft und somit frei von Eigenverantwortung. Was soll er denn dagegen tun? Alle zwei Wochen geht er doch brav zur Therapie.

Als kleiner Junge litt Viktor unter einer derart ausgeprägten Unsicht- und Unscheinbarkeit, dass er bis zum heutigen Tag den Blick einer Frau auf sich fühlen muss, um sich überhaupt zu spüren. Seine dominanten Schwestern, mit denen er aufwuchs verstärkten noch diesen Komplex. Also er, er kann nichts dafür! Magda ist natürlich vollkommen ahnungslos, macht sich Sorgen um die Gesundheit des Vaters ihrer Zwillinge. Dieser Termindruck im Job, der arme Viktor sollte wirklich kürzer treten! Tatsächlich ist Zeitmanagement für den Gigolo alles andere als problemlos. Das jedoch liegt weniger an der Arbeit, als daran, alle Liebhaberinnen unter einen Hut, beziehungsweise ins Bett zu bekommen.
Prekär wird die Situation, wenn sich doch mal eine der Affären mehr als nötig für Viktor interessiert. Dann macht er sich mit Wiener Charme schneller aus dem Staub, als die Dame gucken kann. Das wird nicht gut gehen: und ja, Viktor fliegt auf und gehörig auf die winselnde Schnauze...

Doris Knecht hat es einfach drauf den Charakteren ihrer Romane schonungslos in die Seele zu blicken, dabei sensibel und gleichzeitig ausgesprochen unterhaltsam zu bleiben. Viele Gedankengänge, nicht nur die der beteiligten Frauen, sogar in Ansätzen die von Viktor, dem Gockel, sind nachvollziehbar und machen mir die Figuren mit ihren Macken doch sehr sympathisch.

Annette Matthaei

 


schriftstellerinnen 150x237

 

Atlantik Verlag 22,00€

 

K. Mahrenholtz/D. Parisi: "Schriftstellerinnen!"

Katharina Mahrenholtz und Dawn Parisi erfreuen uns erneut mit einem Leitfaden durch die große Welt der Bücher. Ähnlich wie bereits in ihren früheren Büchern (Shakespeare!, Krimi!, Literatur!) sorgen die Autorinnen dafür, dass wir einen wohlproportionierten Einblick in weibliche Literaturwelt erhalten.

Von Jane Austen über Nelly Sachs zu Banana Yoshimoto erfahren wir Wissenswertes und Kurioses, Smalltalk und Reaktionen und bekommen nebenbei Informationen über das Zeitgeschehen der Epoche in der wir jeweils nachschlagen.
Bertha von Suttner erhielt als erste Frau den Friedensnobelpreis. Sie, die berühmte Pazifistin, warnte immer wieder vor dem Krieg und starb wenige Wochen vor seinem Ausbruch 1914 in Österreich.
Agatha Christie wurde eher aus Langeweile zur bekanntesten Krimiautorin. Während ihr Mann in Frankreich stationiert war, arbeitete sie als Apothekenhelferin und vertrieb sich die übrige Zeit mit dem Ersinnen von Giftmorden.
Von ihrem ersten Lyrikband  Herz über Kopf  verkaufte Ulla Hahn im ersten Jahr (1981) 18000 Exemplare - eine kleine Sensation! Marcel Reich-Ranicki entdeckte sie und sparte nicht mit Lobpreisungen.
Während Anais Nin zwischen 1966 und 1983 ihre Tagebücher veröffentlichte und damit weltberühmt wurde, geht es in Stephanie Meyers Büchern sehr züchtig zu. Als Mormonin lehnt sie Sex vor der Ehe ab. Bei ihr wird vor allem geschmachtet...

Ein Lesevergnügen nicht nur für Frauen, und ein passendes Geschenk für viele Literaturliebhaber!

Andrea Westerkamp-Stützel

 


dark noise 150x237

 

Loewe 14,95€

 

Margit Ruile: "Dark Noise"

Erinnern sie sich noch an Jan Böhmermanns Varoufakis Video? Hier kommt ein superspannendes Jugendbuch genau zu diesem Thema.

...die Fenster geschlossen, der Bildschirm nur von einer grünen Schreibtischlampe beleuchtet. Tag für Tag sitzt Zafer am Rechner und bearbeitet Bilder. Das ist sein Job. Er geht fast nie aus dem Haus, ernährt sich von gelieferter Pizza und Multivitaminsaft. Ein Nerd ohne jegliche soziale Bindungen. Zafer arbeitet als freiberuflicher Bildretuscheur. Und er ist der Beste. Er kann sogar die Wassertropfen auf einer Sektflasche so täuschend echt nachbilden, dass der Betrachter seiner Filmsequenzen glaubt, er würde sich darin spiegeln.
Einen Mann in das Überwachungsvideo einer Tiefgarage einzufügen ist dagegen ein Kinderspiel. Merkwürdig ist nur, dass dieser Auftrag anonym war...
Tage später erkennt Zafer durch Zufall eines seiner Videos in den Nachrichten über einen Journalistenmord wieder. Es zeigt, wie der mutmaßliche Täter den Tatort, eine Tiefgarage, verlässt. In Wirklichkeit ist der Mann nie dort gewesen. Aber das weiß nur Zafer.

Emily ist Sprayerin, Straßenmusikerin und zieht mit ihrer Gitarre durch die Einkaufszentren der Stadt. Aber hinter dieser harmlosen und etwas verwahrlosten Fassade versteckt sich ein blitzgescheites Mädchen, interessanterweise mit einem blauen und einem braunen Auge, die für eine Organisation namens „Dark Noise“ im Untergrund mit einigen anderen virtuosen Computerkünstlern arbeitet. Ihr Ziel ist es, der verlogenen virtuellen Welt eins auszuwischen und die Menschen im Netz auf die Bösartigkeit der Scheinwelt aufmerksam zu machen. Zum Beispiel, indem sie auf die Startseite einer angesehenen Kosmetikfirma ein Foto von in Versuchslabors gequälten Mäusen setzen, das sich über Tage nicht entfernen lässt.
Zafers und Emiliys Wege kreuzen sich zu den von ihr gesungenen Klängen des legendären Songs von Simon and Garfunkel, „Sounds of Silence“, und dieses Lied kann Zafer genauso wenig vergessen wie diese unglaublichen Augen von Emily.

Ein wirklich spannender All Age Thriller, im Stil von Frau Poznanski, der existentielle Fragen unserer digitalen Welt auf‘s Korn nimmt.

Annette Matthaei

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Februar


niemand ist bei den kaelbern 150x237

 

Arche Verlag 20,00€

 

Alina Herbing: "Niemand ist bei den Kälbern"

„Landlust“, „Mein schönes Land“, „Landidee“ - das klingt alles so nett. Zeitschriften, die uns vom Leben auf dem Land erzählen, dem vermeintlichen Leben auf dem Land muss man sagen. Wir denken an blühende Bauerngärten (aber nicht ans Jäten), sich biegende Obstbäume (aber nicht ans Ernten) und an frische Eier (aber wohl nicht an Hühnermist).

Wir könnten Christin fragen, die würde uns das Landleben der anderen Art schildern. Christin ist die Hauptfigur im Debutroman von Alina Herbing, sie ist Mitte 20 und aufgewachsen in einem Ort in Nordwest-Mecklenburg. Mit der Nachwende-Aufbruchsstimmung ist es so ziemlich vorbei und selbst die Friseurlehre, die Christin im Salon „Sandy“ begonnen hatte, musste sie nach einem Jahr aufgeben, weil sich niemand mehr bei „Sandy“ die Haare schneiden lassen wollte.
So lebt Christin seit kurzem auf dem Hof ihres langjährigen Freundes Jan, zusammen mit Jans Vater und dessen neuer Freundin. Die Milchquoten sind im Keller, auf dem Hof geht es ums Durchbringen von Vieh und Mensch – alles nicht sehr romantisch. Außerdem ist sie sich gar nicht sicher, ob das mit Jan alles so richtig ist, besonders aufregend oder liebevoll ist das Verhältnis jedenfalls nicht. Jans Vater hält sowieso nichts von der Freundin seines Sohns, eigentlich erträgt Christin den Alltag nur mit ihrer Freundin Caro - und mit der Flasche Kirsch, die unterm Fahrersitz liegt. Höhepunkte sind da das alljährliche „Teichfest“, bei dem der Alkohol ungehindert fließt (naja, sonst eigentlich auch) und ab und an ein Einsatz der örtlichen freiwilligen Feuerwehr.
Christin träumt von einem Leben in Hamburg, sie sieht sich im Büro anstatt im Kälberstall und weiß doch nicht, wie ihr das gelingen soll. Doch dann taucht Klaus auf, der die Windkraftanlage beim Dorf überprüft und repariert. Klaus ist sicher 20 Jahre älter, sicher verheiratet, sicher Vater - aber egal, ihn umweht der Duft der weiten Welt, meint Christin

„Niemand ist bei den Kälbern“ ist ein gelungenes Debut, eine Geschichte von Sehnsucht und Hoffnung, gleichzeitig auch vom Scheitern, vom auf der Stelle treten und der damit verbundenen Frustration. Als Caro den Absprung nach Lübeck schafft (immerhin) und gleichzeitig die Flasche Kirsch geleert ist, fällt Christin eine Entscheidung.

Astrid Henning

 


die terranauten 150x237

 

Hanser 26,00€

 

T.C. Boyle: "Die Terranauten"

Allein die Vorstellung, in einem Gebäude über lange Zeit eingeschlossen zu sein – und zwar komplett eingeschlossen – ruft Beklemmungen hervor. Die Tatsache, dass es ein Experiment in dieser Art tatsächlich gab, macht einerseits Angst, andererseits fasziniert es natürlich ungemein.

Im Jahre 1994 begeben sich in den USA acht Menschen, vier Frauen und vier Männer, in ein riesiges, achtstöckiges Gebäude, um dortselbst zwei ganze Jahre inmitten eines autarken Ökosystems zu verbringen – zusammen mit knapp 4000 Pflanzen- und Tierarten. Diese Menschen mussten einen jahrelangen und ausgesprochen harten Bewerbungstextlauf absolvieren, ähnlich einer Castingshow. Und nun sollen sie in der Wüste Arizonas das Überleben in einem geschlossenen Gewächshaus proben, in einem von den Umweltzerstörungen und Kriegen der Außenwelt unberührten Leben.
Niemand, unter gar keinen Umständen, darf diese große Glaskuppel verlassen, das heißt auch: niemand darf ernsthaft erkranken, keine der Frauen schwanger werden. Und so ziehen diese Terranauten unter den Augen der Presse, der Politik und all der Schaulustigen ein in ihr neues Zuhause, gekleidet in provokant rote Overalls. Ein wenig erinnert dieses Procedere an "Big Brother" und an das "Dschungelcamp"...

Mit dem Biosphere-Projekt hatte man in den 1990er Jahren in Arizona tatsächlich eine künstliche Welt erschaffen. T.C. Boyle nutzt diesen Fakt als Ausgangspunkt und entwickelt daraus ein für ihn typisches Szenario. Detailliert beschreibt der Roman den entbehrungsreichen Alltag in dem kleinen Regenwald. Ohne jegliche Unterstützung von außen muss sich die kleine Gruppe selbst versorgen: mit streng rationierter Ziegenmilch, selbst gezogener Rote Bete und selbstgebrautem Bananenwein. Schnell zehren bitterer Hunger und auch Langeweile an den Nerven, obgleich der Arbeitsalltag hart und anstrengend ist.
Aus drei wechslenden Perspektiven werden die Ereignisse geschildert: da ist einmal die attraktive Dawn, die die Tiere versorgt – sie hat ihren Freund für das Experiment verlassen. Dann gibt es den unverbesserlichen und selbstverliebten Ramsay, zuständig für die PR und als Spitzel eingesetzt, der ein pikantes Geheimnis wahren muss. Und dann ist da noch Linda, die es nicht unter die acht Auserwählten geschafft hat und nun die Außenperspektive einnimmt. Sie ist die bei weitem ehrgeizigste, verbissenste und neiderfüllteste von allen.

Genüsslich entwickelt Boyle die zunehmenden Spannungen, die Eifersucht und die Intrigen. Er entlarvt die Spießigkeit und Doppelmoral der angeblich so idealistischen Ökoaktivisten – und natürlich herrschen  unter der transparenten Glaskuppel jede Menge Rivalitäten, Futterneid, Sex und Genderkonflikte. Die Version eines Lebens vom Einklang mit der Natur wird von außen gesteuert und manipuliert, und zwar von einem Rat dubioser Visionäre und Milliardäre, die biblische Spitznamen tragen wie Gottvater, Jesulein und Judas.

Heike Kasten

 


der fuchs und der stern 150x237

 

Insel Verlag 18,00€

 

Coralie Bickford-Smith: "Der Fuchs und der Stern"

Vor vielen Jahren schenkte mir ein geliebter Mensch das Buch Freunde von Helme Heine , seither habe ich einen besonderen Faible für schöne Bilderbücher.

Mit großer Begeisterung darf ich Ihnen heute meinen neuen Liebling vorstellen.
Der kleine Fuchs lebt im tiefen, dunklen Wald und einzig ein hell strahlender Stern weist ihm den Weg durch die Dunkelheit, wenn er sich nachts auf Futtersuche begibt. Der Stern ist sein Freund. Ihm entgeht kein Streifzug des Fuchses. Ein warmer Orangeton steht für das Licht, die Obhut. Doch plötzlich ändert sich etwas. Statt Orange sieht der Fuchs Blau- und Grautöne, der Wald wirkt undurchsichtiger denn je. Sein Freund ist verschwunden, und ohne ihn kann und mag er nicht aus seinem Bau herauskommen...

Lassen Sie sich von den wunderschönen Zeichnungen begeistern und erleben Sie die rührende Geschichte einer besonderen Freundschaft.

Andrea Westerkamp-Stützel

 


elbphilharmonie wimmelbuch 150x200

 

Carlsen Verlag 9,99€

 

Achim Ahlgrimm: "Mein großes Elbphilharmonie Wimmelbuch"

Auch vor den Kleinsten macht der fröhliche Hype um die Elbphilharmonie in unserer schönen Nachbarstadt nicht halt und so ist es ein genialer Schachzug von dem, in Hamburg beheimateten, Carlsen Verlag, dass er ein wunderschönes Wimmelbuch für Kinder ab 2 Jahren in der Pappversion kurz nach der Eröffnung von „unserer Elphi“ auf den Markt zu bringen, natürlich in markanter Form...

Liebevoll gezeichnet von dem Illustrator Achim Ahlgrimm können wir das grandiose Bauwerk von der Hafenseite betrachten, noch im Bau als Kaiserspeicher mit Kränen und vielen eifrigen Bauarbeitern. Schwups, sitzen wir mittendrin im großen Konzertsaal, erleben im kleinen Saal eine lustige Probe von einem freakigen Orchester, können in die Proberäume gucken und schlendern zuletzt mit vielen Zuschauern über die Plaza.
Zusätzlich zu den wimmeligen Bildern auf denen es soviel zu entdecken gibt, verbergen sich hinter mehreren Klappen noch so einige spannende Geheimnisse. Ein großer, aktueller Spaß für Groß und Klein !!!

Annette Matthaei

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Januar


libellen im kopf 150X237

 

Limes 19,99€

 

Gavin Extence: "Libellen im Kopf"

Abby ist 29 Jahre alt und mir von Anfang an sehr sympatisch. Temperamentvoll, witzig und nicht ohne eine gesunde Portion Selbstkritik. Zugegeben ein bisschen aufgedreht, aber in dem Beruf der freien Journalistin steht die Frau heutzutage nicht wenig unter Druck und muss jederzeit auf dem Sprung und risikofreudig sein, zumal die Konkurrenz in einer Metropole wie dem quirligen London nicht schläft. Da wird abends auch schon mal gehörig einen über den Durst getrunken, um die Spannung des Tages abzubauen.

Abby lebt mit ihrem liebevollen Freund zusammen. Er erdet sie und es wird deutlich, dass er sich um seine Liebste sorgt. Alles geht so weit gut, bis Abby eines Abends zu ihrem Nachbarn marschiert, um eine Dose Tomaten auszuleihen. In ihrem Kühlschrank, wie üblich, gähnende Leere. Den Nachbarn kennt sie eigentlich kaum, doch das kann man ändern, wenn der Magen knurrt. In ihrem Falle ändert sie den Zustand des Kennenlernens nicht, denn sie kommt zu spät.
Die Haustür ist nur angelehnt, sie betritt die fremde Wohnung und findet den Besitzer in seinem Fernsehsessel - bedauerlicherweise mausetot. Merkwürdig unberührt nimmt Abby auf dem Sofa Platz und stibitzt sich erstmal eine Zigarette von dem Toten, die sie seelenruhig in seiner Anwesenheit raucht. Die später von ihr gerufene Polizei ist nicht wenig befremdet von ihrem Verhalten, total gelassen, komisch. Auch ihrem Freund berichtet sie lapidar von dem Vorfall.

Die Sache scheint abgetan, doch in den nächsten Tagen bemerkt man als Leser eine zunehmende, quälende Unruhe in der Protagonistin anschwellen, so dass einem selbst der Hals eng wird. Abby leidet unter einer bipolaren Störung. Schon früher hatte sie einige unschöne Ausflipper und wurde medikamentös behandelt. Dieses Mal hat es sie so heftig erwischt, dass sie sich in der geschlossenen Abteilung einer psychiatrischen Klinik wiederfindet. Absolute Kontaktsperre nach außen und ewige Therapiesitzungen, allein und in Gruppe. Dort lernt sie die wesentlich jüngere Melody kennen, und die beiden schließen eine innige Freund-schaft, die im Laufe des Romans auf harte Proben gestellt wird.

Diese Geschichte hat ein versöhnliches Ende, soviel sei verraten…
Sehr berührt hat mich das Nachwort des Autors. Ich habe mich mehrmals  gewundert, dass ein Mitte dreißig jähriger Mann sich so gut in die Gedankengänge einer psychisch schwer kranken jungen Frau hineinversetzen kann. Gavin Extence deutet an, dass auch er Erfahrung mit psychischen Ausnahmesituationen gemacht hat und durch das Schreiben und seine Familie eine segensreiche Stabilität erlangt hat. Ein Glück, so können wir hoffentlich noch einige großartige Romane von ihm erwarten.

Annette Matthaei

 


Schlaraffenland 150x237

 

Suhrkamp 10€

 

Stevan Paul: „Schlaraffenland: Ein Buch über die tröstliche Wirkung von warmem Milchreis, die Kunst ein Linsengericht zu kochen, und die Unwägbarkeiten der Liebe“

Ja, man muss diesen langen Untertitel unbedingt erwähnen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was für ein Buch Stevan Paul uns hier serviert. Ich kann nicht behaupten, dass warmer Milchreis zu meinen Lieblingsgerichten gehört, und doch wusste ich sofort, was gemeint ist mit „tröstlicher Wirkung von warmem Milchreis“. Es gibt Gerichte aus unserer Kindheit, die unser Herz erwärmen, die wir unmittelbar mit Geborgenheit und Beschützt-werden assoziieren – für den einen ist das eben der Milchreis, für den anderen vielleicht der warme Kakao.

Stevan Paul ist gelernter Koch, lebt in Hamburg und schreibt für die Süddeutsche, Efilée und andere Zeitschriften über's Essen und Essen gehen. Genauso gut aber schreibt er Kurzgeschichten, die in diesem Milieu spielen.
Wir treffen auf Herrn Adam, Oberkellner in einem hochklassigen Restaurant, der seinen Arbeitsplatz am meisten liebt, bevor die Gäste kommen. Wir begegnen Herta, die Kantinenköchin in einem Luxuskaufhaus in Berlin war, jetzt aber wird die Kantine abgeschafft und Herta Klöpke in den Ruhestand versetzt. Ein letztes Abschiedsessen für die gesamte Mannschaft – das muss drin sein, auch wenn sich Herta dazu nachts ins Kaufhaus einschließen lassen muss und auf Schleichwegen in ihre frühere Küche gelangt.

Jede Geschichte endet mit einem Rezept: Milchreis...Rührei mit Sommertrüffeln... Jakobsmuscheln – von schlicht bis exklusiv ist alles dabei. Ein Buch, bei dem man sich kaum entscheiden kann, ob man es verschenken soll, oder vielleicht doch besser selbst behält. Wir raten: zwei Exemplare kaufen!

Astrid Henning

 


der turm der welt 150x237

 

Wunderlich 22,95€

 

Benjamin Monferat: "Der Turm der Welt"

Was für ein grandioser Winterschmöker…
Wir befinden uns in Paris im Oktober 1889. Die Stadt brodelt und quillt über von Menschen aus aller Herren Länder. Das Ende der Weltausstellung auf dem Champ de Mars rückt näher. Mit einem furiosen Feuerwerk am gerade fertiggestellten Eiffelturm, dem Koloss aus 7ooo Tonnen Stahl, soll sie enden. Mag auch die politische Lage in Europa alles andere als stabil sein, hier in dieser Völkervielfalt - mehr als 34 Millionen Menschen sollen an der Exposition Universelle teilgenommen haben - im leuchtenden Paris, scheint alles vergessen.
Doch, wie wir im Laufe des historischen Romans feststellen, werden von allen drei Großmächten, Frankreich, Deutschland und England, Fäden, wenn nicht Seile gezogen und je näher das Ende des Spektakels rückt, erscheint eine Katastrophe unausweichlich. Ein Countdown läuft…

Aus der Versenkung wird der abgehalfterte Agent Alain Marais des Deuxieme Bureau, des französischen Geheimdienstes, geholt, ihm zur Seite der junge Beamte Pierre, der naiv und staunend die unorthodoxen Arbeitsweisen seines merkwürdigen Chefs zur Kenntnis nimmt. Die beiden sollen aufklären, wer zwei ermordeten Geheimdienstler makabererweise an die Zeiger der Berneaus‘chen Uhr gebunden hat.
Gestresst sind zwei englische Offiziere. Ihre Aufgabe ist es den Duke of Avondale, Zweiter in der britischen Thronfolge, zu beaufsichtigen. Dies erweist sich schlimmer als einen Sack Flöhe zu hüten, hat „Eddy“ doch besondere sexuelle Gelüste und um diesen nachzukommen im sündigen Paris, entwischt er mehrfach seinen Bodyguards.
Und dann gibt es da noch die schneidige Figur des deutschen Offiziers Friedrich von Straten. Als Diplomat ist er angereist, aber eigentlich dem Geheimnis seiner Herkunft auf der Spur.

Wenn Sie jetzt glauben, dieser Roman sei nur von männlichen Protagonisten bevölkert - weit gefehlt… Im ersten Hotel am Platze, dem „Vernet“, sind all die erlauchten Gäste der Exposition untergebracht. Deren Besitzerin, Madame Marechal, kämpft hoch erhobenen Hauptes gegen den finanziellen Untergang des Hauses. Eine couragierte Frau.
Auf einem Banquette  in der Villa der Vicomtesse Roquefort, der heimlichen Königin des Pariser Salons und des französischem Hochadels, belauern sich misstrauisch die Royalen und Mächtigen.
Die bildhübsche Kurtisane Madleine de Royal muss mehrfach um ihr Leben fürchten, steckt sie doch mittendrin in einer Verschwörung und eine Art geheimnisvolle Spiderwoman spielt im letzten Moment eine tragende Rolle.

Wem von meiner Figurenbeschreibung jetzt der Kopf schwirrt, so ging es mir am Anfang des Buches auch! Aber wie auch schon bei dem Roman über die letzte Fahrt des legendären Orientexpresses des unter Pseudonym schreibenden Autors Monferat, war ich von der Lektüre in Windeseile gefesselt, fix im Thema drin und absolut begeistert.
Lassen Sie sich beim Schmökern von nichts und niemandem stören und tauchen Sie ab in das faszinierende Paris des 19.Jahrhunderts mit dessen Prunk, den dunklen Gassen des Montrouge mit seinem Nachtleben und den genialen Erfindungen des Herrn Daimler, Lilienthal und nicht zuletzt des legendären Berneaus.

Annette Matthaei

 


lucy schroeders gesammelte wahrheiten 150x237

 

Dumont 18€

 

Susanne Rehlein: "Lucy Schroeders gesammelte Wahrheiten"

"Auf Ihrer Schirmmütze steht Fuck you?", fragt er. "Sagen Sie bloß", erwidert sie. "Wir im einundzwanzigsten Jahrhundert sagen übrigens Cap dazu. Cap, Komma, die."
So forsch Lucy ihrem Analytiker auch Paroli bietet, so wenig kann sie sich im täglichen Leben behaupten. Da wird die Hausaufgabe, andere Leute kennenzulernen zu einer unlösbaren Herausforderung. Menschenscheu ist sie, schlechte Erfahrungen hat sie gar nicht so viele gemacht, aber sich unter ihresgleichen zu tummeln liegt ihr dennoch nicht.
Wie gut, dass sie Heimarbeit leisten kann. Lucy baut nämlich Schneekugeln, auch im Sommer! Die Auftragslage ist fantastisch. Das sind übrigens sehr persönliche Kugel, sozusagen Unikate, und jeder Kunde war bisher äußerst zufrieden.
Doch eines Tage geschieht Ungeheuerliches: Lucy wird nicht nur gebeten, dem Leiter des marode Kaufhauses Schönstedt beratend zur Seite zu stehen, sondern sie soll sich dazu zwangsläufig natürlich stundenlang unter vielen Menschen aufhalten....

Herrlich verrückt ! Erfrischend flott geschrieben - ein Roman, den ich mal kurz "einatmete", und der mich sehr amüsierte.

Andrea Westerkamp-Stützel

 

 

Unsere Buchempfehlungen im November


enzyklopaedie der vergessenen sportarten 150x237

 

Liebeskind Verlag 29,00€

 

Edward Brooke-Hitching: "Enzyklopädie der vergessenen Sportarten"

Es gibt jede Menge Bücher, die etwas von uns wollen: wir sollen uns gesünder ernähren, an uns und unserer Beziehung arbeiten, nachhaltig handeln usw. - das macht nicht immer Freude. Wie schön, dass es sich mit diesem Buch ganz anders verhält, hier fängt die Freude schon beim Ansehen und beim Anfassen an. Ein Rücken aus Leinen, gutes Papier und erst der Inhalt!

Worum geht es? E. Brooke-Hitching, natürlich ein Brite, hat die letzten 500 Jahre durchforstet und nach vergessenen Sportarten gesucht - man kann sagen, er ist fündig geworden.
Von Autopolo über Ballonspringen bis hin zu Wasserfallreiten listet er die seltsamsten Sportarten auf, beschreibt und kommentiert sie. Und so ist dieses Buch auch ein Geschichtsbuch, dass uns viel verrät über Tendenzen und Bedürfnisse bestimmter Epochen. Das Ganze ist sehr liebevoll gestaltet, mit alten Stichen und kuriosen Photos bebildert.
Kannten Sie "Ballonspringen",  "Feuerwerksboxen" oder "Unblutiges Duellieren"? Lernen Sie es kennen, zumindest in der Theorie. Viele dieser Sportarten waren übrigens recht grausam, meist im Umgang mit Tieren. Einiges war zu gefährlich und bei anderem sah man schlicht zu lächerlich aus, alles Gründe, weshalb es diese Sportarten nicht mehr gibt.

Ein wundervolles Buch, kenntnisreich und mit Sympathie für Verrücktheiten geschrieben - ein perfektes Weihnachtsgeschenk, vielleicht mal statt Socken und Krawatten.

Astrid Henning

 


blumenkinder 150x237

 

btb 9,99€

 

Meike Dannenberg: "Blumenkinder"

Ein Krimi mit jeder Menge Lokalkolorit! Meike Dannenberg, ehemalige Kuwi-Studentin an der Leuphana, kennt sich in unserer schönen kleinen Stadt und auch im Umland ausgezeichnet aus, vor allem im wunderbaren Wendland.

BKA-Sonderermittlerin Nora Klerner wird nach Lüneburg geruften. Die Leiche eines 12-jährigen Mädchens wurde gefunden; wie aufgebahrt liegt die Kleine da, scheinbar friedlich, von Blumen umkränzt. Schnell tun sich Parallelen zu einem nahezu identischen Fall in Tschechien auf, und so wird auch noch der Profiler Johan Helms hinzugezogen.
Diese beiden Profis unterstützen die Lüneburger Polizei nach Kräften, ist es doch zum Glück im hiesigen Umfeld mehr als selten, dass unheimliche Mordfälle untersucht werden müssen. Innerhalb kurzer Zeit haben Nora und Johan eine obskure Hippie-Gruppe im Visier, die im Wendland unter scheinbar seltsamen Umständen haust. Da verschwindet ein weiteres Mädchen, eine groß angelegte Suche wird eingeleitet.
Nora arbeitet nahezu Tag und Nacht – sie hat die Gabe, sich intuitiv in die Ermittlungen einzubringen, hört auf ihr Bauchgefühl. Doch das ist dem Leiter der Soko zu viel; er zieht sie kurzerhand vom Fall ab. Doch Nora ermittelt auf eigene Faust weiter, sieht sich gezwungen, undercover zu arbeiten. So schmuggelt sie sich quasi in die Wendländische Aktivistengruppe, passt sich dem alternativen und natürlich veganen Leben an – sehr zu Johans Unmut.
Schnell spürt sie einen Verdächtigen auf, mit dem sie sich zu einem Treffen der Flower-Family begibt – dass dieses in Tschechien stattfindet, erfährt sie zu spät, sie sitzt bereits im Auto. Und hat keine Chance, den Wagen zu verlassen. So muss sie ganz in ihrer Rolle, aufgehen, sich anpassen, Verhaltensmuster übernehmen – um zu überleben...

Heike Kasten

 


das buch vom meer 150x237

 

DVA 19,99€

 

Morten A. Stroksnes: "Das Buch vom Meer"

In der Annotation des Verlags steht: Ein Sehnsuchtsbuch - über die Freiheit und das Glück, die Naturgewalten zu spüren. Nach der Lektüre dieses Buches war ich wild entschlossen, den nächsten Urlaub auf den Lofoten zu verbringen.

Zwei Freunde, der Autor ist einer von ihnen, beschließen einen Eishai zu fangen. Aus den Tiefen des Nordatlantiks wollen sie mit allerlei "köstlich" vergammeltem Fleisch einen der 7 bis 8 Meter langen und ca. 120kg schweren Eishaie hervorlocken. Ein mutiges Unterfangen, zumal das Boot, mit dem sie fahren nicht besonders vertrauenserweckend wirkt. Aber Hugo, der langjährige Freund von Morton, weiß genau, was er tut.
Ein Jahr lang wird es beide Männer immer wieder auf´s Meer ziehen. Sie werden gemeinsam schweigen, oder von alten Zeiten plaudern, sie werden sich streiten und wieder versöhnen und immer wieder uns an ihrem Wissen um die unglaubliche Vielfalt der Meeresbewohner teilhaben lassen.

Eine Hommage an das Meer, an die Schönheit der Natur und ein unaufdringlicher Aufruf, dieses Leben unter Wasser zu schützen.
Und zum Schluss noch ein Statement von Morton : Wespen sind für Menschen viel gefährlicher als Haie. Über den ganzen Erdball verstreut töten Haie zehn oder zwanzig Menschen im Jahr. Im selben Zeitraum töten wir ungefähr 73 Mio Haie. Trotzdem sehen wir in ihm ein gefährliches Raubtier...

Andrea Westerkamp-Stützel

 


13 weihnachtstrolle machen aerger 150x237

 

Boje Verlag 13,00€

 

Sabine Städing: "13 Weihnachtstrolle machen Ärger"

Krsch,krsch,krsch....was ist das für ein Geräusch, dass Mila und ihr Bruder Jonas so spät am Abend von ihrem Bett aus hören?...
Mila ist zu ihrem großen Bruder, der heute eine schauspielerische Glanzleistung als Schaf beim Krippenspiel abgeliefert hat, in die Federn gekrabbelt. Jetzt lauschen die beiden mit gespitzten Ohren und können im letzten Moment einen Blick auf einen winzigen, grünen Wichtelpopo erhaschen, der doch tatsächlich durch ein Türchen in Jonas Adventskalender verschwindet. Ganz dicht hält Mila sich den Kalender vor die Augen und schwups ist sie weg. Jonas traut seinen Augen nicht, mal gucken, zack, hui...
Er findet sich in einem Zugabteil einer alten Dampflok wieder und da ist ja auch die kleine Schwester. Aber was ist das für ein Zug? Warum steht er? Und wie verschneit es draußen ist. Soviel Schnee haben die zwei noch nie gesehen.

So beginnt eine zauberhafte Weihnachtsgeschichte von der Erfinderin von Petronella Apfelmus, der kleinen Gartenhexe, Sabine Städing. In 24 Kapitel ist sie aufgeteilt, ein feines Häppchen, jeden Abend vor dem aufregendsten Fest des Jahres für Kinder ab 6 Jahren.
Im Weihnachtsland sind die Geschwister Jonas und Mila gelandet und gleich am Anfang machen sie die Bekanntschaft mit dem Lebkuchenmännchen Koriander, der sie direkt in das Haus vom brummigen Knecht Ruprecht führt. Eigentlich passt diesem der Besuch gar nicht und er grollt ganz fürchterlich, aber dann unterbricht er seine Arbeit an den Ruten doch, um für die durchgefrorenen Kinder ein warmes Süppchen zu kochen.
Am nächsten Morgen geht’s mit dem Rentierschlitten durch einen Winterwunderwald direkt in das Weihnachtsdorf, in dem nicht nur die Weihnachtswichtel eifrig vorbereiten, sondern auch diverse Weihnachtsmänner wohnen. Die haben allerdings mehrere Probleme: a) Väterchen Frost ist spurlos verschwunden, b) die Rentiere sind krank und c) gibt es da noch die garstigen Weihnachtstrolle und mit denen ist nun gar nicht zu spaßen.
Ob Mila und Jonas wohl helfen können und rechtzeitig nach Hause kommen, bevor Mama und Papa sich Sorgen um sie machen?

Was haben Sie für ein Glück, wenn Sie diese kuschelige, zauberhafte Geschichte einem aufgeregten Kind vorlesen können... Mich hat sie sogar ganz alleine in beste Vorweihnachtsstimmung gebracht. Mein absoluter Adventsliebling, geradezu ein Muss, in diesem Jahr!!!

Annette Matthaei

 

 

Unsere Buchempfehlungen im Oktober


gegen den hass 150x237

 

Fischer Verlag 20,00€

 

Carolin Emcke: "Gegen den Hass"

Wer die Berichterstattung über die Frankfurter Buchmesse verfolgt hat, dem wird dieser Name nicht mehr unbekannt sein: Carolin Emcke ist die diesjährige Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels.

Emcke ist politische Journalistin und Publizistin. In ihrem neuen Buch „Gegen den Hass“ beschreibt sie, wie in unserer Gesellschaft mit dem Anderen, dem Abweichenden, dem Fremden umgeht – nämlich zunehmend ausgrenzend, aggressiv und hassend. Auch wenn Emcke dies anhand der Ereignisse im sächsischen Clausnitz beschreibt (ankommende Flüchtlinge wurden von einer aufgebrachten und aggressiven Meute bedroht), beobachtet sie die zunehmende Verrohung nicht allein im Umgang mit Flüchtlingen, sondern ganz allgemein im Umgang mit Menschen, die von einer bestimmten Gruppe als „nicht zugehörig“ definiert werden.
So genau und differenziert ihre Analyse solcher Vorgänge ist, so leidenschaftlich und engagiert ist ihre Aufforderung an uns alle, die offene Gesellschaft zu schützen und uns verantwortlich zu fühlen: „Freiheit ist nichts, das man besitzt, sondern etwas, das man tut.“

„Gegen den Hass“ ist ein Plädoyer für eine Gesellschaft, die vielfältig und unfertig ist, die sich hinterfragt, in der Zweifel erlaubt und sogar unerlässlich sind. Was wir dafür brauchen? Carolin Emcke: “Nicht viel: etwas Haltung, etwas lachenden Mut und nicht zuletzt die Bereitschaft, die Blickrichtung zu ändern (...).“
Ein Buch, dem man viele Leser/innen wünscht.

Astrid Henning

 


die farben des nachtfalters 150x237

 

Arche Verlag 22,00€

 

Petina Gappah: "Die Farben des Nachtfalters"

An einen tristen, ungewöhnlichen Ort entführt uns die im damaligen Rhodesien geborene Autorin Petina Gappah mit ihrem Erstling.
Sie erzählt uns die Geschichte von Memory, einer Afrikanerin, die seit zwei Jahren in dem Frauengefängnis Chikurubi auf ihre Hinrichtung wartet. Ein unglaubliches Schicksal breitet sie vor einer amerikanischen Journalistin, die sich für ihren Fall interessiert, aus.

Memories Erinnerungen setzen ein mit ihrer Kindheit in einem Township in der Nähe von Hahare. Mit ihrer Familie lebt sie in einer ärmlichen Hütte, ein Bruder verstorben, zwei jüngere Schwestern. Der Vater kümmert sich rührend um die Kinder und versucht sie vor den Taten der geistesgestörten Mutter zu bewahren. Unberechenbar ist diese in ihrer Raserei und immer auf der Suche nach einem Heiler oder einer Halt bringenden Religion. Sie glaubt, ein Fluch liege über der Familie und daran ist Memory nicht unschuldig.
Sie ist ein besonderes Kind, denn ihr fehlen jegliche Pigmente, sie ist ein afrikanischer Albino. Das bedeutet für die Kleine, dass sie, während die anderen Kinder auf den staubigen Straßen spielen, in einem abgedunkelten Raum sitzen muss. Die Sonne verbrennt sie sofort und ihre Haut platzt auf. Die an Geister glaubenden Mitbewohner des Townships beäugen sie argwöhnisch, die anderen Kinder in der Schule jagen die Andersartige. Ein unerträgliches Leben für ein Kind in Armut.

Noch schlimmer wird es für sie, als der Vater sie im Alter von 9 Jahren an einen Engländer verkauft. So jedenfalls erscheint es der Kleinen. Lloyd heißt der Engländer, ist Mitte dreißig und ein Doktor. Allerdings nicht der Medizin, sondern der Philologie. In seiner Luxusvilla wird Memory großgezogen, ein Segen für ihre Haut - die endlich die richtige Pflege erhält - und für ihre Bildung, vorerst besucht sie eine Klosterschule für Privilegierte, später geht sie zum Studium nach England und Bücher, Bücher, Bücher gibt es in Hülle und Fülle …
Und doch wird in ihr immer der große Kummer nagen von ihrer Familie getrennt worden zu sein, in der neuen Welt  nicht aufgenommen zu werden. Mit Lloyds Schwester Alexandra kommt es gleich zu Beginn zum Zerwürfnis, welches ein Leben lang bestehen bleiben wird und jetzt unter anderem dafür sorgt, dass Memory als zum Tode verurteilte im Gefängnis sitzt. Was wirklich passiert ist erfahren nur wir.

Man merkt, dass Frau Gappah viel in Simbabwes Frauengefängnissen recherchiert hat. Das gibt ihr die Fähigkeit auf eindrückliche Weise die bedrückende Atmosphäre einzufangen. Korruption und Brutalität sind vorherrschend, aber auch  Momente der Empathie und des Zusammenhaltes zwischen den Insassinnen gibt es.
Ein im Gedächtnis bleibender Roman, der durch sein mir bis dato unbekanntes Setting , einen Sog entwickelt hat. Zumal die Autorin es geschafft hat, Spannung wie in einem Krimi aufzubauen.

Annette Matthaei

 


mord in der mangle street 150x237

 

Atlantik Verlag 20,00€

 

M.R.C. Kasasian: "Mord in der Mangle Street"

March Middleton ist eine junge aufgeweckte Dame, die als ambiotionierte Raucherin und dem Gin nicht abgeneigt, durchaus heraussticht aus der Masse der junge Damen im England des 19.Jahrhunderts.

Als wir sie kennenlernen sitzt sie gerade im Zug nach London. March ist die Nichte des besten Detektivs Englands, und da ihr Vater kürzlich verstarb, wird sich nun Sidney Grice um sein Mündel kümmern.
Kaum angekommen erlebt March gleich den aufgeregten Auftritt einer Unbekannten, die ihren Onkel dringend um Unterstützung bittet. Ihre Tochter wurde heimtückisch im Schlaf ermordet, mit unzähligen Messerstichen fand der schockierte Ehemann, ihr armer Schwiegersohn, die Leiche. Nun behauptet die Londoner Polizei doch allen Ernstes, er habe seine geliebte Frau getötet. Dabei ist er völlig unschuldig, hat im Nebenraum geschlafen und nichts von der Tat mitbekommen...

Sidney Grice übernimmt den Fall und seine junge Nichte wird ihn tatkräftig unterstützen (und dabei fast zur Verzweiflung bringen). Voller Wortwitz und Situationskomik präsentiert sich dieser Debütkrimi. Herrlich sind die Figuren gezeichnet! Ich freue mich auf den nächsten Fall!

Andrea Westerkamp-Stützel

 


gebrauchsanweisung fr die deutsche bahn 150x237

 

Piper Verlag 15,00€

 

Mark Spörrle: "Gebrauchsanweisung für die Deutsche Bahn"

Wieso kommt man überhaupt auf die Idde, dass zum Bahnfahren eine Gebrauchsanweisung nötig sein könnte? Schließlich verbindet man das Reisen mit der Bahn doch mit einer ganz entspannten und entspannenden Fortbewegung. In gemütliche Sessel geschmiegt lässt man die Landschaft an sich vorbeirattern, nickt sanft weg beim beruhigenden Geräusch der Räder. Man isst, trinkt, plaudert – eigentlich kein Wunder, dass große Literatur in der Bahn entstand.

So könnte es sein, wenn, ja wenn, alles einmal super läuft. Wenn man am richtigen Tag, zur richtigen Uhrzeit am richtigen Bahnhof in den richtigen Zug steigt, und wenn dieser Zug in der richtigen Wagenreihung einfährt, wenn die Platzreservierung geklappt hat, wenn neben einem kein Lauttelefonierer sitzt oder aber jemand, der sich verzweifelt bemüht, einem ein Gespräch aufzuzwingen. Bevor es aber überhaupt losgeht, muss man a) eine Fahrkarte erwerben und b) über einige grundsätzliche Dinge nachgedacht haben: lässt sich Ihr Ziel ohne Umsteigen erreichen (bitte bedenken Sie: die Gefahr, dass eine Reise mit der Bahn zu einem, milde ausgedrückt, unerfreulichen Erlebnis wird, nimmt mit der Zahl der Umstiege exponentiell zu)?
Sind Sie ein Mensch für die zweite Klasse – oder einer für die erste? Denken Sie an den Sitzabstand! Wollen Sie einen Platz reservieren oder suchen Sie das Abenteuer? Es kann deutlich Freude bereiten, sich mit sperrigem Gepäck durch überfüllte Abteile zu drängeln und hier und da ein wenig zu rempeln. Aber wenn all diese Fragen geklärt sind, kommen Sie im wahren Leben an: Sie wollen Ihr Ticket kaufen, am Bahnhof. Wir alle kennen die Situation: von vier Automaten sind zwei in Betrieb. Kaum ist man selber an der Reihe, fährt sich dieser Automat quasi automatisch herunter – und Sie können sich erneut anstellen (gut, dass Sie einen großzügigen Zeitpuffer eingebaut haben). Zur großen Freude erfährt man am Ende des endlosen Buchungsvorgangs, und wenn man sich kurz vor dem Ausdrucken der Fahrkarte wähnt, dass sowohl die Kreditkarten als auch alle Geldscheine außer der 5-Euro-Scheine nicht angenommen werden können.

Und das ist erst der Anfang: was Ihnen alles auf einer Fahrt mit der Deutschen Bahn wiederfahren kann, wie man sich am besten in allen nur möglichen und unmöglichen Situationen verhalten sollte, warum Besitzer eines Smartphones deutlich im Vorteil sind, und warum man die Frage, ob die Toilette funktionieren muss, so oder so sehen kann – all diese (über-)lebenswichtigen Punkte werden in dieser Gebrauchsanweisung hinreichend beantwortet. Und Sie werden sich zudem ein wenig weitergebildet fühlen.

Heike Kasten

 

 

Unsere Buchempfehlungen im September


laufen essen schlafen 150x237

 

Malik Verlag 16,99€

 

Christine Thürmer: "Laufen. Essen. Schlafen."

Dieses Buch erzählt davon, wie sich ein vermeintlich in sicheren und festen Bahnen verlaufendes Leben ändern kann und eine völlige Wendung nimmt.

Mit Ende 30 ist Christine Thürmer das, was man eine Karrierefrau nennt. Sie hat in verschiedenen Unternehmen gearbeitet, die kurz vor der Pleite standen und diese erfolgreich saniert. Was ihr an Freizeit blieb, hat sie mit Freunden verbracht, Essen gehen, Kino – alles völlig normal. Sie war nicht besonders sportlich, hatte ein paar Kilo zuviel auf den Rippen und für ihre Zukunft keine aufregenden Pläne. In den letzten Jahren hatte sie allerdings während ihrer Urlaube ein paar Wanderungen unternommen und zunehmend Gefallen daran gefunden.
Auf einer dieser Wanderungen in den USA lernt sie ihre ersten „thruhiker“ kennen, Weitwanderer, sie erfährt vom PCT, dem Pacific Crest Trail, einem Weitwanderweg von Mexiko bis nach Kanada. Über 4277 km führt der Weg durch die Sierra Nevada und das Kaskadengebirge, bevor er hinter Seattle endet.
Dieser Weg lässt Thürmer nicht mehr los und nur die ganz normale Angst vor der großen Veränderung hindert sie daran, ihren Job zu kündigen und loszulaufen. Bis...bis ihr im Dezember 2003 gekündigt wird und sie beschließt, dass das genau der richtige Zeitpunkt ist, um den PCT zu bewältigen. Noch dazu kommt, dass ein enger Freund einen Schlaganfall erleidet und von jetzt auf gleich zum Pflegefall wird. Die arbeitslose Christine hat viel Zeit, ihren Freund zu begleiten und die Kostbarkeit des eigenen Lebens nochmal neu zu erkennen.

Was dann folgt, muss man wohl als eine Art Rausch oder Sucht bezeichnen. Als blutige Anfängerin läuft Christine Thürmer los, allerdings kommt ihr die Erfahrung ihres Berufslebens zugute: So, wie sie die Sanierung von Unternehmen plante, bereitet sie ihre Wanderung vor und vermeidet so manchen Fehler, den andere Wanderanfänger begehen, allen voran zuviel Gepäck. Bis auf's Gramm wird abgewogen und reduziert, da hilft sogar der abgesägte Griff der Zahnbürste.
Nach dem PCT fliegt sie zurück nach Deutschland, nimmt ihr normales Arbeitsleben wieder auf, erneut sehr erfolgreich und doch spürt sie nach kurzer Zeit, wie die Sehnsucht in ihr nagt...da sind doch noch zwei andere Weitwanderwege in den USA, der CDT „Continental Divide Trail“ von New Mexico wiederum nach Kanada, aber weiter im Binnenland und der AT, „Appalachian Trail“ von Maine durch 14 Bundessaaten nach Georgia.

Das Ende vom Lied? Frau Thürmer hat ihre Wohnung in Deutschland gekündigt, den Job sowieso, mittlerweile wanderte sie durch Australien, Asien und Europa, hat so inzwischen 33.000 km zurückgelegt. Zwischendurch fährt sie Fahrrad oder oder paddelt mit dem Boot auf dem Yukon, dem Mississippi oder durch die Kanäle in Schweden. Ein abenteuerliches Leben, bei dem einen unweigerlich der Gedanke „Und wenn ich jetzt auch...“ beschleicht, seihen Sie gewarnt!

Astrid Henning


das glaeserne klavier 150x237

 

Berlin Verlag 22,00€

 

Miriam Toews: "Das gläserne Klavier"

Elfrieda und Yolanda sind ein sehr ungleiches Schwesternpaar. Elf, grazil, bildhübsch, zart besaitet, hochintelligent und ebenso begabt im Klavierspiel und die eher robuste, etwas chaotische, 6 Jahre jüngere Yoli wachsen in einer Mennonitengemeinde in der Nähe von Winnepeg in Kanada auf. Zur Familie von Loewen gehören noch die lebenslustige, flippige Mutter, der Konventionen egal sind - Musik und Bücher sind wichtiger, als ein perfekt geführter Haushalt! - und der stille angepasste Vater, der wie Elf später sagen wird, eine „hektarübergreifende Traurigkeit“ mit sich trug. Sie spürte es bereits als kleines Kind.

Die Schwestern sind nun erwachsen. Yoli, zwei Kinder von zwei verschiedenen Männern, hält sich mit dem Schreiben von drittklassigen Groschenromanen mehr unter als über Wasser, und Elf, mit dem sie abgöttisch liebenden Nic an ihrer Seite, ist eine berühmte Konzertpianistin geworden. Vor einer ihrer Welttourneen bricht  sie jedoch restlos zusammen und versucht mehrfach einen Selbstmord zu begehen. Hat sie das Suicidgen von ihrem Vater geerbt, der sich vor Jahren das Leben nahm? Sie ist so müde und will partout aus dem Leben scheiden.
Yoli, ihre Mutter, die Tante, alle sitzen sie am Bett der in der Psychiartrie Liegenden und beknien sie, neuen Mut zu fassen. Die Frauen der Familie von Loewen kämpfen, wie ihre Namensvettern aus dem Tierreich. Allen voran Yoli, die ihrer Schwester trotz aller Unterschiede, immer sehr nahe gestanden hat. Sie gerät in einen unerträglichen Gewissenskonflikt, als Elf sie bittet, mit ihr nach Zürich zu reisen, um dort ihrem Leben ein Ende zu setzen.

„Zutiefst anrührend ist diese Geschichte, weil sie so ehrlich, wütend, aber auch voller Humor davon erzählt, wie schwer es ist, das Leben auszuhalten, wenn ein geliebter Mensch es loslassen will“, ist nur einer von vielen begeisterten Kommentaren über dieses zu Herzen gehende Buch, dass nicht ein einziges Mal pathetisch oder kitschig daherkommt.
Trotz der Schwere des Themas musste ich mehrfach lachen über die Situationskomik und war im Herzen berührt von den starken Frauencharakteren dieser Geschichte. Ein Hoch auf die Liebe in der Familie und das Annehmen des Lebens, so wie es eben ist!

Annette Matthaei


anonym 150x237

 

Wunderlich Verlag 19,95€

 

Ursula Poznanski/ Arno Strobel: "Anonym"

Eine Leiche, ein Internetforum – und ein grausames Spiel, das beides verbindet.
Der erste gemeinsame Fall von Daniel Buchholz und Nina Salomon zeigt Abgründe auf, die tiefer nicht sein können. "Jeder hat nur eine Stimme. Es liegt an euch, wie schnell es vorbei ist. Es liegt an euch, wer lebt und wer stirbt", so heißt es auf dem Internetforum "Morituri", einer Seite, die zunächst einmal lediglich einem übersichtlichen, illustren Kreis von Usern zur Verfügung steht, denjenigen, die sich im sog. Darknet bewegen.
Niemand erhält ungebeten Zutritt, es gilt nur eine Regel: Anonymität! Doch die Weiten des weltweiten Netzes sind unendlich, und so erlangt diese Seite innerhalb kürzester Zeit mehrere hunderttausende Follower.

Gleich an ihrem ersten Arbeitstag werden die die neuen Kollegen Teil einer besonders heiklen Mordermittlung: die Tötung wurde vorab im Darknet bekanntgegeben, verbreitet und – es wurde abgestimmt, wer denn den Tod verdient. Vier Auserwählte standen zur Option, alles passiert ausschließlich online. Die Ermittler stehen im Grunde genommen vor dem dunklen Nichts. Alle Versuche, den Betreiber ausfindig zu machen bzw. die Seite vom Netz bleiben erfolglos: wie in einem Spiegelkabinett wird die Seite wieder und wieder vervielfältigt. Und schon wird eine neue Abstimmungsrunde gestartet, erneut steht eine "Kandidatenauswahl" zur Option, ein Balkendiagramm verdeutlicht sekundengenau das Ranking der potentiellen Opfer. Trotz fieberhafter Suche und Recherche der Hamburger Mordkommission geschieht der Mord wie angekündigt. Ein Kampf gegen die Zeit und alle bislang bekannten Regeln beginnt und bringt die Ermittler an ihre physischen und psychischen Grenzen.

Eindrücklich und intensiv wird vor Augen geführt, welchen Respekt ein jeder vor der weltweiten Vernetzung und den Möglichkeiten des Internets haben sollte. Kein Medium je hatte bislang die Macht, Millionen von Menschen zeitgleich auf gefährlichste Weise zu verführen und sie vor die eigene Hölle zu zerren.
Ausgezeichnet recherchiert, mit eindringlicher Spannung schaffte das Autorenduo einen weiteren Thriller, der deutlich Lust auf eine Fortsetzung macht.

Heike Kasten

 


pinnegars garten 150x237

 

Unionsverlag 9,95€

 

Reginald Arkell: "Pinnegars Garten"

Unser Held, Herbert Pinnegar, wird im selben Jahr wie der Autor, nämlich 1880, im Süden von England geboren, direkt hinein in das viktorianische Zeitalter.
Als Findelkind wird er vor die Tür einer patenten Frau und Mutter von weiteren 7 Kindern in einer kleinen englischen Grafschaft abgelegt. Da gibt es kein Federlesen, der Kleine wird mit aufgezogen, einer mehr macht den Kohl auch nicht fett. Berts Glück ist es, dass sich seiner eine kinderlose Dorfschullehrerin namens Mary Brain annimmt und das kleine Hinkebein mit der heimischen Flora vertraut macht. Sie spürt es gleich, Herbert ist anders, als andere Kinder. Der Kleine blüht im wahrsten Sinne mit den Pflanzen auf, die er durch seine Lehrerin kennenlernt.

Als die Zeit der Berufswahl gekommen ist, alle Jungs werden ausnahmslos Gehilfen auf Bauernhöfen, nimmt er all seinen Mut zusammen und setzt durch, dass er Gärtner werden will. Das Glück erscheint ihm in Gestalt der jungen Mrs. Charteris, der frisch vermählten Herrin des zum Dorf gehörigen Landguts. Sie erinnert sich an Berti, der bei einer Gartenschau mit seinem Wildblumenstrauß den ersten Platz in der Kategorie Kinder gemacht hat, und engagiert ihn als Gehilfen in ihrem Garten.
Schwer sind die Lehrjahre unter dem Obergärtner, Mr. Abbis, einem Gärtner der alten Schule, dem der naseweise Jungspund ein Dorn im Auge ist. Nur die Liebe zur Pflanzenwelt gibt Pinnegar Kraft, durchzuhalten und im Laufe der Jahre werden wir Zeuge, wie aus dem linkischen jungen Mann "Berti" der ehrwürdige Obergärtner "Old Herbaceous" wird. Die Erdbeeren, die er im Gewächshaus zieht und bereits im April auf den Tisch der jungen Lady stellt, sind eine Revolution. Die Blauwinden aus dem Süden Europas, die er unter einigen Rückschlägen, doch zwischen den englischen Rosen ranken lässt, beglücken sie und ihn zutiefst und auch über den Streit, wo die Begonien ihren besten Standort haben, zerbrechen die innigen Bande zwischen den beiden Liebhabern der Pflanzen nicht.

1950 ist dieses Büchlein im Original erschienen, und belegt, dass ein Mann, der sein ganzes Leben in einem Garten arbeitet, dort vollkommen glücklich sein kann. Der Roman erfasst 70 Jahre sozialen Wandels, durchlebt zwei Weltkriege und bringt dem Leser auf beruhigende Art die Beständigkeit der Natur nahe.
Balsam für die Seele, von leiser Melancholie durchzogen und besonders jetzt, zur Herbstzeit eine herzerwärmende Lektüre. Ideal, für alle, die den Sommer noch nicht gehen lassen  oder jemandem eine sanfte, heilsame Freude machen wollen.

Annette Matthaei

 

 

Unsere Buchempfehlungen im August 


das laecheln meines unsichtbaren vaters 150x237

 

Hanser 20,00€

 

Dmitrij Kapitelman: " Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters"

Wie kompliziert die Frage nach der eigenen Identität ist, wenn verschlungene Migrationswege eine Rolle spielen, vielleicht auch noch die Bedeutung eines Herkunftglaubens zu klären ist – davon berichtet Dmitrij Kapitelman in seinem Buch.

Geboren in der Ukraine als Sohn eines jüdischen Vaters und einer nicht-jüdischen Mutter, mit acht Jahren knapp an der Auswanderung nach Israel vorbeigeschrammt und in Deutschland gelandet, als sogenannte „Kontingentflüchtlinge“. Gelandet im wiedervereinigten Deutschland, dass Einwanderer nicht mit offenen Armen empfangen hat, zumal nicht in den ostdeutschen Bundesländern. Für Dmitrij war der Anblick von mit Baseballschlägern bestückten Glatzen nichts ungewöhnliches, der Heimweg oft eine Art Glücksspirale oder Spießrutenlauf.
Nun ist er Mitte 20 und schenkt seinem Vater eine Reise nach Israel. Denn in gewisser Weise ist sein Vater für ihn „unsichtbar“: Wo empfindet er sich zugehörig? Welche Bedeutung hat sein Glauben für ihn? Viele Freunde des Vaters sind nach Israel ausgewandert, es gibt durchaus Kontakt zu ihnen, nun ist die Zeit gekommen, sie zu besuchen.
Abgesehen davon hat Leonid, Dimas Vater, in Israel auch noch seine Briefmarkensammlung und ein Teeservice mit Rubinen kurz vor der Auswanderung einem Freund mitgegeben, denn schließlich war das ursprüngliche Ziel ja Israel. Höchste Zeit, diese kostbaren Besitztümer wieder nach Hause zu schaffen.

Ein paar Wochen reisen die beiden durch dieses gespaltene Land, treffen alte Bekannte, baden im Toten Meer und streifen über Märkte in Tel-Aviv. An der Klagemauer in Jerusalem wird Dmitrij innerhalb von Minuten zum Bar-Mizwa und ist selbst erstaunt, welches Gefühl der Heimat und Zugehörigkeit er plötzlich empfindet. Zum Krach zwischen Vater und Sohn kommt es als Dima mit seinem Vater nach Ramallah reisen will, um einen Teil Palästinas kennenzulernen. Leonid weigert sich, er kramt die heftigsten Vorurteile  und Klischees aus den Schubladen, um zu beweisen, dass man als Jude in Palästina jederzeit mit seinem Leben spielt.

Kapitelman hat seine Vater-Sohn-Geschichte in einem ganz eigenen Tonfall geschrieben: sehr  locker und oft wirklich witzig, aber auch anrührend und ernst. Für beide scheint diese Reise etwas in ihrer Identität geklärt zu haben, bei Leonid vielleicht eher gefühlt, bei Dima sicher deutlich reflektierter und mit größeren Konsequenzen.

Astrid Henning

 


albert muss nach hause 150x237

 

Harper Collins 19,90€

 

Homer Hickam: "Albert muss nach Hause"

„Der Alligator oder ich!“ Vor diese Entscheidung stellt der sonst so gelassene Homer seine junge Ehefrau Elsie, nachdem Albert, das recht spezielle Haustier des Paares, ihm eines Nachts beim Toilettengang mächtig in die Wade zwackte.
Der mittlerweile halbstarke Alligator Albert wurde in einer mit Atemlöchern versehenen Pappschachtel zur Hochzeit von dem verflossenen Liebhaber der Braut aus Florida geschickt. Buddy heißt er, lebt nun in New York und ist der Inhalt von Elsies heimlichen Träumen. Nun ist ihr ein Minenarbeiter dazwischen gekommen...

Homer und Elsie leben in dem Kohlearbeiterstädtchen Coalwood im Bundesstaat West Virginia. Für die sonnenverwöhnte, aus Florida stammende Elsie ist dieser Ort der Inbegriff der Trostlosigkeit. Nichts als tiefhängende Wolken und dichter Kohlestaub, der sich in alle Ritzen setzt. Das tut auch der Ehe nicht besonders gut. Elsies gesamte Liebe und Zärtlichkeit konzentriert sich auf den fröhlich grunzenden Albert. Homer beobachtet die Beziehung der beiden mit zunehmender Eifersucht. Wenn Albert sein wohliges „Yeah yeah yeah“ von sich gibt, bringt es das sonst eher zähe Blut von Homer in Wallung, sieht er in dem Alligator doch immer seinen Nebenbuhler Buddy, auch wenn dieser nur in der Phantasie seiner Frau buhlt.
Da es sich für eine Ehefrau in den 1940er Jahren nicht schickt, den Ehemann in die Wüste zu jagen - obwohl ihr mehr als einmal der Sinn danach steht - willigt Elsie schweren Herzens ein, den geliebten Albert auszusetzen. Sie knüpft aber eine Bedingung an den Entschluss. Albert soll von ihnen persönlich in die Sümpfe Floridas gebracht werden. Dem reiseunlustigen Homer passt das gar nicht, aber was soll er gegen eine so halsstarrige, aber auch liebreizende Gattin unternehmen? Praktisch veranlagt, wie er nun mal ist, montiert er eine alte Badewanne auf den Rücksitz seines Buick Convertible, Baujahr 1925, Albert hinein, auch ein namenloser Hahn gesellt sich zu der bunten Reisegesellschaft, und ab geht es auf eine bemerkenswerte Abenteuerreise.
Es gilt einen Banküberfall, einen Schiffbruch und einen Hurrikane zu überstehen. Unfreiwillig schmuggeln die beiden gehörige Mengen Selbstgebrannten, machen unterwegs die Bekanntschaft von John Steinbeck und sogar dem alten Herren Ernest Hemmingway, der einen bleibenden Eindruck hinterlässt und werden als Double in einem Dschungelfilm als Tarzan und Jane eingesetzt. Dicht auf ihren Fersen, haben sie es immer wieder mit dem Ganovenpaar Slick und Huddy, ein Pendant zu Pat und Paterchon, zu tun.

Amüsant ist diese Reise und ein bisschen Kismet ist dabei, skurril und lustig. Aber auch mit einer Prise Philosophie versehen ist dieser Roman, in dem sich - wen wundert es? – das anfangs sehr ungleiche Paar Kilometer für Kilometer näher kommt.
Albert, soviel sei verraten, landet mit einem glücklichen „Yeah yeah yeah“ schlussendlich in dem großen Tümpel einer Golfanlage in Orlando.
Ein fröhliches, anrührendes Lesevergnügen mit charmantem Augenzwinkern.

Annette Matthaei

 


du wirst nicht wissen warum 150x237

 

Berliner Taschenbuchverlag 9,99€

 

Karine Giebel:"Du wirst nicht wissen warum"

Wir alle wissen, dass rotharige Frauen in der Literatur häufig das Böse verkörpern.
Schade, dass Hauptkommissar Benoît Lorand offensichtlich zu wenig gelesen hat. Bei einem Feierabendbier an der Bar spricht ihn eine attraktive Frau mit leuchtend rotem Haar an und keine einzige Alarmglocke schrillt! Als verheirateter Mann und Vater eines kleinen Jungen befällt ihn zwar kurz das schlechte Gewissen, jedoch hält es ihn nicht davon ab, Lydia, so heißt die Circe, nach Hause zu bringen.

Den ersten klaren Gedanken fasst Benoît Stunden später, als er auf einem kalten, schmutzigen Kellerboden erwacht. Eingesperrt und mit ettlichen Blessuren versehen, denkt der Kommissar erst an ein besonders ausgefallenes erotisches Spiel im besten oder an einen üblen Scherz im schlechtesten Fall. Nichts liegt Lydia jedoch ferner. Sie sinnt auf Rache für ein Vergehen, an das sich der Kommissar beim besten Willen nicht erinnern kann. Irgendwann in seinem Leben scheint er ihr schon einmal begegnet zu sein.

Die Methoden, die sie fortan anwendet, um ihren Gefangenen mürbe zu kochen sind so teuflisch, dass ich den Thriller nur Lesern mit starken Nerven empfehlen möchte. Wie lange halten Geist und Körper die Folter aus ? Währenddessen setzen Lorands Kollegen alles daran, den vermissten Kommissar zu finden, allerdings fehlt ihnen jeglicher Anhaltspunkt. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt...

Andrea Westerkamp-Stützel

 


jenseits der blauen grenze 150x237

 

Magellan Verlag 8,95€

 

Dorit Linke: "Jenseits der blauen Grenze"

DDR, Rostock, Sommer 1989, die innerdeutsche Grenze zieht sich noch wie ein Bollwerk längs durch Deutschland. Hannah und Andreas, zwei Jugendliche aus Rostock, kennen sich seit der ersten Klasse. Eine enge Freundschaft verbindet die beiden. Gemeinsam gingen sie durch dick und dünn, litten unter staatstreuen Lehrern, machten sich gemeinsam über die Jugendweihe lustig und hingen ihren Zukunftsträumen nach. Als Dritter im Bunde gesellte sich ab der sechsten Klasse noch Sachsen-Jensi aus Dresden zu ihnen.

Für Hannah ist es das große Ziel, einmal Biologin zu werden. In der Schule ist sie hochbegabt, aber die private Situation schwierig. Der Vater, ehemals Professor an der Universität der DDR ist zu einem psychiatrischen Pflegefall geworden, den ganzen Tag liegt er im Bett und seine Gesichtszüge erhellen sich nur, wenn seine Tochter ihm aus dem „Seewolf“ vorliest. Die Mutter versucht, den Alltag aufrechtzuerhalten. Am schlimmsten aber ist der geliebte renitente Opa, immer mit einem gehörigen Schluck Fusel unterwegs, wettert er im Supermarkt und auf der Straße lauthals gegen das Regime. Ihm hat Hannah es auch zu verdanken, dass sie vor dem Abitur von der Schule fliegt.
Noch schlechter hat es Andreas getroffen. Sein Parteimitglieds-Vater kann es nicht verschmerzen, dass sein Sohn nicht wie er SED-treu ist und immer aus dem Ruder läuft. Keine Gelegenheit lässt er aus, seinen Sohn windelweich zu prügeln. Andreas landet, auch noch weit vor dem Schulabschluss, in einem Jugendwerkhof, einer Besserungsanstalt, in der menschenunwürdige Verhältnisse herrschen. Nach der Zeit in der schlimmen Einrichtung fasst er keinen Tritt mehr, wohnt in einem Abbruchhaus und lässt sich, er, der vor Jahren  großartige Sportler, jeden Tag volllaufen.
Für die beiden gibt es keine Perspektive in dem sozialistischen Staat. Das führt dazu, dass Andreas Hannah eines Tages einen atemberaubenden Vorschlag zur Republikflucht unterbreitet. 50 Kilometer Ostsee liegen zwischen ihnen und der Freiheit. Hannah, die ehemalige Leistungsschwimmerin, willigt ein. Sie weiß, sie kann Andreas nicht allein lassen.

Die Geschichte wird in Rückblenden erzählt, unterbrochen von furchteinflößenden Szenen auf der offenen Ostsee. Es ist ein nicht zu schaffender Kampf, auf den die beiden sich eingelassen haben, verbunden nur durch ein Stück Schnur an den Handgelenken, damit sie sich im tosenden Meer nicht verlieren.
Ich habe mitgelitten und um Luft gerungen, ein Buch mit höchstem Spannungsbogen, und durchaus nicht nur für Jugendliche geeignet. Nominiert wurde der Realitythriller 2015 für den deutschen Jugendbuchpreis. UNBEDINGT LESEN!

Annette Matthaei